Kirchgemeinde Dippoldiswalde, 27. Januar 2002

Konzert mit Arcanum Musicae

Ehemalige Kruzianer sangen in der Dippoldiswalder Stadtkirche

Nach dem großartigen Konzert des Dresdner Kreuzchores in der Dippoldiswalder Stadtkirche im Spätherbst des vergangenen Jahres erlebte eine große Zuhörerschaft an gleicher Stelle ein Ensemble, das der gleichen Tradition verpflichtet ist: Arcanum Musicae, fünfzehn (in Dippoldiswalde krankheitshalber nur dreizehn) ehemalige Kruzianer, die im Jahr 2000 mit dem Abitur diesen Chor verlassen haben, sind, obwohl sie ganz verschiedene Studienrichtungen eingeschlagen haben, musikalisch beieinander geblieben, ja haben sich offensichtlich und unüberhörbar in guter Weise musikalisch neu zusammengefunden. Denn zu hören war ein Männerchor wirklich guter Qualität, der durchweg eine wohldosierte, überwiegend schlanke, gestalterisch intensive und reich nuancierte Männerchorkultur pflegt. Beeindruckend die fast durchweg zu beobachtende musikalische Perfektion und die große stilistische Weite, die das Programm bot.

Das Konzert begann mit Mauersbergers kleiner Motette über den Wahlspruch der alten Kreuzschule "Schola crucis, schola lucis, imus domine quo ducis" (Schule des Kreuzes, Schule des Lichtes, wir gehen, Herr, wohin du uns führst). Seinerzeit hatte der Kreuzkantor dieses kleine Werk für Männerchor geschrieben, als man in der sozialistisch geprägten Kreuzschule von diesem Wahlspruch offiziell nichts mehr wissen wollte, und seine große Motette für gemischten Chor über die gleichen Worte bei Schulveranstaltungen nicht mehr erwünscht war: Wenigstens den Männerchoristen sollte dieser Text bei ihren zu allen Zeiten in der Freizeit praktizierten Männerchorsingen immer wieder begegnen. Sicher war der Beginn des Konzertes gerade mit diesem Werk ein Bekenntnis zur Tradition. Zugleich wurde diese Motette so lebendig gestaltet, wurde dem Text intensiv, nuancenreich und ausgesprochen wohlklingend nachgegangen, dass was man hörte beinahe ein neues Stück war, das lebendig den Text in die Gegenwart hinein interpretiert.

Ansonsten war der Bogen zu hörenden Werke weit und anspruchsvoll gespannt. Ein erster Höhepunkt das Kyrie und Gloria aus der "Mass for three voices" von William Byrd, dem "Palestrina Englands": herrliche alte polyphone Kirchenmusik aus dem 16. und beginnenden 17. Jahrhundert in der originalen Besetzung für Alt, Tenor und Bass - alles von Männerstimmen ausgeführt. Wieder wurde wunderbar gestaltet, obwohl die hohen Anforderungen an die falsettierenden Altisten gelegentlich doch etwas hörbar waren. Ganz anderer Art die vier Motetten über Worte des Franz von Assisi von Francis Poulenc, französische, und als solche nie den Wohlklang verlassende Musik des zwanzigsten Jahrhunderts (schade, dass keine Übersetzung aus dem französischen angeboten wurde). In der etwas herben, in gewisser Weise nüchternen Art deutscher protestantischer Kirchenmusik des mittleren zwanzigsten Jahrhunderts dann zwei Motetten des Hindemith Schülers Harald Genzmer. Noch weiter wurde der Bogen gespannt zu zeitgenössischen Werken der Amerikaner Samuel Barber ("Haeven-Haven") und Duke Ellington. Letzterer ist eigentlich mehr als Jazzpianist und -komponist und Leiter einer Bigband hervorgetreten. Hier im Dippoldiswalder Konzert war eine Motette von ihm zu hören mit strahlendem Abschluss, die Gott als König der Liebe pries. Werke der deutschen Romantik und der Kreuzkantoren Julius Otto und Roderich Kreile vervollständigten das Programm. Die Motette von Roderich Kreile über den 18. Psalm (Herzlich lieb hab ich dich, Herr), die der amtierende Kreuzkantor extra für dieses Ensemble geschrieben hat, war für mich ein wirklicher Höhepunkt des Konzertes. Nur in den ersten Takten wurde nach meiner Wahrnehmung vielleicht ein wenig roh und mit etwas zu wenig Schwung musiziert, dann aber steigerte sich das Ensemble angeregt durch die musikalische Vielfalt des bemerkenswerten Werkes doch zu einem Höhepunkt des Konzertes. Zwei Zugaben erklatschte sich die unerwartet große Zuhörerschaft.

Ein beeindruckendes, erbauendes Konzert, das nur wenige Wünsche offen lies. Aus meiner Sicht sind die Stärken des Ensembles seine uneitle musikalische Disziplin, seine stilistische Sicherheit durch verschiedenste Epochen, seine überzeugende, authentische Interpretation geistlicher Texte, und vor allem der sehr schöne kultivierte Klang. Nicht unerwähnt sei Christoph Klingners ausgesprochen schönes Tenorsolo bei Zoltan Kodalys Abendlied. Gewünscht hätte ich mir vom Gesamtchor bei einigen Werken des Programms an einigen wenigen Stellen noch ein satteres Forte, beeindruckend ansonsten durchweg die gestalterische Vielfalt. Jugendliche Konzertbesucher empfahlen im Gespräch nach dem Konzert noch die Aufnahme eines oder zweier Spirituals, vermisst wurde ein Textprogramm. Die deutschen Texte waren alle gut zu verstehen, aber bei Latein, Englisch, Französisch und Ungarisch kann sicher der größte Teil der Zuhörer nicht durchgehend ohne Hilfe den Text verstehen. Das ist dann schade, denn immerhin ist Singen eben auch immer veredeltes Sprechen und bedarf als solches der Verständlichkeit des Wortes.

Bereichert wurde das Konzert durch bedeutende Orgelwerke von Cesar Franck und Johann Sebastian Bach, die der Dippoldiswalder Kirchenmusikdirektor Brückner lebendig und in gewohnter Zuverlässigkeit mit wohldurchdachter Phrasierung auf der guten Orgel der Stadtkirche spielte.

Alles in allem ein sehr schönes Konzert. Wünschen wir dem Ensemble unter seinem Leiter Jens Bauditz eine erfolgreiche Tournee durch die USA, die vor ihnen steht, und danken wir ihnen, dass sie nach Dippoldiswalde gekommen sind. (Ug)

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