Potsdamer Neueste Nachrichten, 10. Dezember 2007

Stärkster Eindruck von Kruzianern und der Altistin

Singakademie Potsdam sang Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium im Nikolaisaal

von Klaus Büstrin

Benötigt Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium einen Vorspann? Eigentlich nicht. Denn seine Musik bietet alles, was man an Weihnachten liebt: die frohe Botschaft, große Freude und tiefe Innerlichkeit, festliches und beglückendes Erleben. Doch die Singakademie Potsdam bat am Sonnabend im Nikolaisaal das Männerchorensemble arcanum musicae (Leitung: Jens Bauditz) aufzutreten, vor den Kantaten 1 bis 3. Das sind ehemalige Kruzianer. Ihr Singen von weihnachtlicher A-cappella-Musik wurde zum Höhepunkt des Abends. Mit Motetten von Andreas Hammerschmidt und Franz Biebl, mit alten deutschen Liedern wie „Es ist ein Ros’ entsprungen“ und „Zu Bethlehem geboren“ fühlte man sich in die Tradition ihrer musikalischen Herkunft, dem Dresdner Kreuzchor, hineinversetzt. Die jungen Männer sangen die Sätze homogen und mit klangschönem Ausdruck. Auch die internationalen Weihnachtslieder aus Polen, Spanien oder den USA wurden teilweise temperamentvoll und mit einem schön aufgefächerten Chorklang geboten.

Sicherlich war es ein kluger Schachzug des Künstlerischen Leiters und Dirigenten der Singakademie, Edgar Hykel, dieses vierzehnköpfige Ensemble zu verpflichten. Sie standen nämlich auch für das Bachsche Weihnachtsoratorium, das nach dem Vorspann erklang, zur Verfügung. Und das dem Ganzen gut. Denn der Männerchor der Singakademie wusste frisch und mit gut gemeißelten und runden Tönen zu singen. Trotz des riesig besetzten Frauenchores geriet sein Klang eher flach. Ihm hätte man mehr Transparenz gewünscht. Besonders bei den großen Sätzen wie „Ehre sei Gott in der Höhe“ oder „Herrscher des Himmels“. Tonschönheit, die man erwartete, konnte man aber dennoch hören. Immer dann, wenn Piano gefordert wurde. Besonders bei den einfühlsam gesungenen Chorälen. Hierbei war auch der gut einstudierte Kinder- und Jugendchor der Singakademie (Einstudierung: Konstanze Lübeck) mit von der Partie. Edgar Hykels Dirigat war umsichtig wie immer, jedoch viel ruhiger als sonst. Keine übersteigerten Geschwindigkeiten gab es, alles war schön fließend. Er konnte sich dabei bestens auf dasNeue Kammerorchester Potsdam verlassen. Solid spielte das gesamte Ensemble sowie seine Solisten, für die das Oratorium so wunderbare Aufgaben bereithält.

Auch für die Gesangssolisten. Katharine Webers fast knabenhafter Sopran war geeignet für die Engelsstimme, weniger für das Duett „Herr dein Mitleid, dein Erbarmen“. Da kam sie auch gegen das auftrumpfende Singen des Baritons Thomas Wittig nicht an. Zudem klapperte das Duett an zu vielen Ecken und Enden. Beim ehrlichen Bemühen um echten Ausdruck, sang Wittig seine Partie jedoch mit allzu emotionalem Überschwang. Undine Dreißig fand dagegen in den Altarien einen wunderbar warmen Ton. Mit Sensibilität und feiner Darstellung der Gefühle konnte sie sehr für sich gewinnen. Ihre Interpretation gehörte zum Stärksten der Aufführung. Der Tenor Albertus Engelbrecht fand erst in der dritten Kantate zum lockeren Erzählgestus, der dem Evangelisten eigen sein sollte. Auch sang er jeden Ton viel zu schwerfällig aus. Der Beifall des Auditoriums im Nikolaisaal für alle Mitwirkenden, der schon nach dem Eingangschor einsetzte, geriet am Schluss enthusiastisch. Dennoch hinterließ der Vorspann den künstlerisch geschlossensten Eindruck des Konzerts.

zurück zur Übersicht